…bleibt häufig auf der Strecke, wo Wissenschaft mit Politik aufeinandertreffen.
Ein gutes Beispiel hierfür war eine Diskussionsveranstaltung, welche Ulrike Höfken für ihre Fraktion (Bündnis90/Grüne) am Montag in Berlin organisiert hatte. Und inbesondere der Vortrag, den Angelika Hilbeck dort hielt.
Unter dem Titel “Gen-Pflanzen: Alle sicher? – Risikoforschung und politische Verantwortung” hatte Frau Höfken nach Berlin eingeladen. Dort sollten “unabhängige, kritische” Wissenschaftler, welche die “Gegen-Expertise” zum Mainstream darstellen, darüber informieren, was aus ihrer Sicht in der Sicherheitsforschung gemacht werden sollte. Und sie sollten Gelegenheit bekommen, zu erklären, warum sie das derzeit nicht machen können.
Die Argumentation war ein wenig so: es gibt einen Mainstream an Wissenschaftlern, der von der Industrie abhängig ist. Nur ein kleines Dorf gallischer Wissenschaftler, repräsentiert durch die eingeladenen Plenumvertreter, ist in der Lage, Widerstand zu leisten. Darf aber natürlich keine wirkliche Wissenschaft betreiben, weil sie ja von den anderen gedisst werden und keinen Zugang zu Forschungsmaterial und -geld haben.
Das alles müsse sich ändern, denn schließlich sei ja allen klar, dass gentechnisch veränderte Pflanzen schrecklich gefährlich und schrecklich und gefährlich sind. Nur zeigen könnten sie das halt nicht so richtig.
Und wenn sie es versuchten, dann würden sie persönlich angegriffen, ihr Ruf ruiniert und überhaupt ginge man ganz schlimm mit ihnen um.
Dies erklärte zumindest Angelika Hilbeck in ihrem Vortrag. Sie stellte dar, dass sie anno 1998 bewiesen habe, dass Cry1Ab die grüne Florfliege (Chrysoperla carnea) negativ beeinflusse.
Hilbeck, A., W. Moar, M. Pusztai-Carey, A. Filipini and F. Bigler. 1998. Toxicity of Bacillus thuringiensis Cry1Ab toxin to the predator Chrysoperla carnea (Neuroptera: Chrysopidae). Environmental Entomology 27 (5): 1255-1263.
Anschließend seien bösen Menschen hergegangen, und hätten “proof Hilbeck wrong studies” (das war ihr Ausdruck dafür), herausgebracht. Sie gab Studien aus den Jahren 2003 und 2004 an, die angeblich nur gemacht seien, um sie zu widerlegen. Die angeblich nicht die Wissenschaft weitergebracht hätten, sondern lediglich dazu dienten, ihre Glaubwürdigkeit und ihren Ruf als Wissenschaftlerin zu ruinieren.
Mit der Studie aus dem Jahr 2004 meinte sie wohl diese hier von Jörg Romeis und Kollegen. Gab dabei aber weder die genaue Studie, noch die Namen der Kollegen an. Für in das Feld Eingeweihte war aber klar, wen sie meint…
Sie behauptete weiterhin, dass die nachfolgenden Studien ihre Ergebnisse und Interpretationen nicht widerlegten, sondern dass diese “komplementär” seien.
Dabei unterschlug sie aber eine ganze Reihe weiterer Studien, die ingesamt klar belegen, dass von Cry1Ab keine Gefahr für die Florfliege ausgeht. Zum Beispiel diese hier, diese, oder diese. Da ich zuhause auf dem Sofa sitze, und keinen direkten Zugang zu allen Quellen über die Uni habe, kann ich auf Anhieb nichtmal alle Quellen angeben. Es sind einige.
Aber in der Tat gab es, nach 2004, noch eine ganze Reihe von Studien, die klar zeigen, dass Frau Hilbeck mit der Interpretation ihrer Ergebnisse damals falsch lag. Schließlich hat die Wissenschaft nicht im Jahr 2004 plötzlich aufgehört.
Sie wies damals Effekte auf Grund veränderter Beutequalität nach, nicht direkte Effekte. Und die Effekte durch veränderte Beutequalität sind mittlerweile gut untersucht. Treten aber natürlich nur bei Beutetieren auf, die das Cry-Protein aus der Pflanze aufnehmen und selbst darauf sensibel reagieren.
Das geht bei Schmetterlingsraupen, aber nicht bei Blattläusen, der Hauptnahrung von Larven der grünen Florfliege. Somit ist es mit der ökologischen Relevanz der Ergebnisse der 1998er Studie ohnehin nicht so weit her.
Als besonderes Schmankerl warf sie zudem in ihrem Vortrag einer Studie falsche Methodik vor. Denn dort sei die Nahrung der Florfliegen (Eier eines Schmetterlinges) oberflächlich mit Cry1Ab Lösung behandelt worden. Was gar nicht zu einer Exposition geführt haben kann, weil die Larven von Chrysoperla carnea Saugzangen haben, mit denen sie ihre Beute aussaugen.
Vollkommen richtig!
Aber sie verschwieg dabei, dass sie genau denselben Fehler bei ihrer neuesten Studie gemacht hat (so neu ist die vor allem gar nicht, sondern stammt auch aus dem Jahr 2004), der zur Wirkung von Cry1Ab auf den Zweipunktmarienkäfer Adalia bipunctata. Diese Studie weisst allerdings eine Reihe von Schwächen und Fehlern auf, die ich bereits kritisiert habe.
Ausserdem zeigt eine bereits veröffentlichte neue Studie, sowie eine angekündigte, dass Frau Hilbeck mit ihrer Arbeit noch schlimmer falsch liegt diesmal, als damals mit ihrer Florfliegenstudie.
Als Höhepunkt fand ich dann ihre Aussage, dass man sie wegen der Unerwünschtheit ihrer Ergebnisse geschnitten habe und versucht habe, sie fertig zu machen, anstatt wissenschaftlich zu arbeiten.
Wenn diese Studien nicht die Wissenschaft weitergebracht haben, was dann?
Und letztlich besonders die Aussage, dass ihre Studie zum Zweipunkt doch gar nicht so den Impact gehabt habe. Sie habe sich den Verbotsbescheid zu MON810 angeschaut, und da sei die doch gar nicht drin.
Offensichtlich war das genau das, was die Zuhörer hören wollten, und keiner von diesen hatte sich mit dem Bescheid des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheites einmal genauer auseinandergesetzt.
Der Bescheid listet eine Reihe von Studien, die angeblich belegen sollen, dass MON810 eine Gefahr für die Umwelt darstellt. Und was finden wir da? Natürlich auch Schmidt et al., mit Adalia bipunctata.
Leider konnten, wegen der Struktur der Veranstaltung, die kritischen, unabhängigen Wissenschaftler wie ich nicht zu Wort kommen. Vielmehr war das eine Selbst-Beweihräucherung erster Kategorie der “wahren” kritischen, unabhängigen Wissenschaftler. Eine Chance, der ganzen Schwurbelei zu widersprechen, konnte ich daher leider nicht wahrnehmen.
Mit der Wissenschaftlichkeit ist es halt bei einigen nicht weit. Nur interessant, dass die genau das den anderen vorwerfen können. Und dabei noch Applaus von Nichtregierungsorganisationen (NABU, vertreten durch Steffi Ober), Ämter (BfN, vertreten durch Beatrix Tappeser), weitere NGO (scoutingbiotech, vertreten durch Christof Then), und die Politik (Grüne, vertreten durch die Gastgeberin Ulrike Höfken) erhalten.
Während wir uns aus der BMBF geförderten Sicherheitsforschung immer anhören müssen, wir seien ja gar nicht unabhängig und “kritisch”. Wobei ich mich immer frage, wie man unabhängiger sein soll, als wir? Vom Steuerzahler bezahlt, im öffentlichen Auftrag? Und wie man kritischer sein können soll, als wir? Denn im Gegensatz zu Frau Hilbeck gestehe ich ein, dass ich Fehler mache.
Nur Frau Hilbeck, sie macht keine Fehler. Das stellte sie bei einer Veranstaltung beim Nabu während einer Plenumsdiskussion (an der ich teilnehmen durfte) fest. Angesprochen hatte ich sie auf die Florfliegenstudie von 1998…

wie wahr, wie nachvollziehbar, wie traurig, …..
mit Leuten, welche die Weisheit gepachtet haben, ist nicht zu kommunizieren
Die von Ihnen gebrandmarkten und der Unwissenschaftlichkeit geziehenen Gentech-Kritiker Steffi Ober, Beatrix Tappeser und Christof Then wurden allesamt ihrer akademischen Grade beraubt. Alle haben nämlich promoviert.
Ich fragte mich zunächst ganz unbedarft, wie kommt das? Das liegt doch sicher nicht daran, dass der mehr oder minder unterschwelligen Tendenz des “Vorwurfs” der Unwissenschaftlichkeit verstärkenden Ausdruck verliehen werden sollte? Seltsamer Zufall, wo doch auch für die Vornamen Raum genug vorhanden war.
Liebe Thea,
1. habe ich diesen Personen nicht allesamt Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen. Dies ging eher explizit an Frau Hilbeck (Frau Dr. Angelika Hilbeck, von mir aus).
2. hat das Unterlassen der Nennung der diversen Doktortitel nichts damit zu tun. Eine Herabsetzung ist hier nicht impliziert und auch nicht intendiert.
In der Tat ist es im wissenschaftlichen Umfeld absolut unüblich, auf die Nennung und Anrede mit dem “Dr.” zu bestehen. Darauf zu bestehen stösst dann schon eher negativ auf. Unter Kollegen in einem Themenfeld kommt man sogar ziemlich schnell aufs “Du”, da sind wir Wissenschaftler recht zwanglos.
Und ausserdem: ein “Dr.” qualifiziert einen nicht direkt dazu, für ein bestimmtes Thema fachkompetent zu sein. Herr Then ist Tiermediziner. Und auch wenn die in der Regel für ihren Dr. med. vet. mehr tun müssen, als die Dr. med. (nicht aber als die Dr. rer. med., nicht verwechseln), so hat er doch im Bereich Gentechnik nicht unbedingt die Expertise, die ein Dr. rer. nat. hat, vorausgesetzt, der hat ihn nicht in Chemie, Physik oder Mathematik gemacht, sondern in Biologie, aber dann auch in einem angrenzenden und entsprechenden Fachbereich.
Auch ein Dr. oder gar Prof. Dr. schützt vor Torheit nicht. Nichtmal ein Nobelpreis tut das (siehe Linus Pauling).
Die “Experten”-Auswahl von MdB Höfken kann nicht erstaunen, da sie eine militante Gegnerin der grünen Gentechnik ist, das kann man anhand ihren öffentlichen Äußerungen sehen. In einer Anhörung des deutschen Bundestages beleidigte sie Prof. Willmitzer, indem sie sich über dessen Wissenschaftlichkeit abfällig geäußert hat. Das zeigt, welches Geistes diese Dame ist.