Die globale Situation der Versorgung mit Nahrungsmitteln hat sich im 21. Jahrhundert deutlich geändert. Noch in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten wir so etwas wie eine „schwarz-weiß“ Situation. In den Industrieländern Überproduktion, Überfluss, in den Entwicklungsländern Mangel, Unterernährung. Alles ein Verteilungsproblem. So wurde die Situation zumindest häufig dargestellt. Ob dies je wirklich so war, sei dahingestellt.Heute ist die Situation komplexer. Einige Probleme sind lange bekannt, wie die ständig weiter wachsende Weltbevölkerung, verbunden mit immer höherem Bedarf an Rohstoffen und Energie. Neu ist ein drastisch veränderter Lebensmittelkonsum in den Schwellenländern. Hier ist insbesondere die Nachfrage nach Fleischprodukten angestiegen. Dies zieht eine gewaltig erhöhte Nachfrage nach agrarischer Primärproduktion nach sich (zur Erinnerung die ‚goldene Regel‘: für ein Kilo Fleisch werden ca. 10 kg pflanzlicher Futtermittel benötigt). Gleichzeitig gehen global Anbauflächen verloren durch Verkarstung, Versalzung, allgemein durch nicht-nachhaltige Benutzung der Ressourcen Boden und Wasser.
Verschärft wird die Situation durch immer deutlicher werdende Anzeichen des Klimawandels. Extreme Wettersituationen machen den Anbau von Nutzpflanzen schwieriger. Es entstehen lokal trockene Hitzeperioden, die sich mit Unwetterartigen Regenfällen abwechseln. Lange, kalte Winter, die sich mit lokal warmen und feuchten abwechseln. All dies führt zu immer häufigeren Ausfällen bei der Ernte. In diesem Jahr besonders deutlich in Russland (Brände) und Pakistan (Überschwemmungen). Aber auch in Deutschland wird die Getreideernte deutlich geringer ausfallen.
Außerdem verschärft sich durch den Klimawandel die Schädlingssituaion in den Agrarländern. Erwärmung und zumindest zeitlich erhöhte Feuchtigkeit wird zu erhöhtem Pilzbefall führen. Schon jetzt wird in Süddeutschland die Invasion neuer Schadinsekten aus dem mediterranen Bereich beobachtet.
Vor diesem Hintergrund hatten wir 2008 zum ersten Mal seit langer Zeit eine deutliche Verknappung der globalen Weizenvorräte. Nach Missernten wurde insbesondere von China weiterhin trotz erhöhter Preise der Weizen vom Weltmarkt weggekauft. Innerhalb kurzer Zeit stieg der Weizenpreis kräftig. Diese Situation wird sich dieses Jahr wiederholen und vermutlich über die nächsten Jahre verschärfen.
Global zeichnet sich ab:
- geringer werdende agrarische Nutzfläche,
- steigende Probleme beim Nutzpflanzenanbau mit neuen Schädlingen,
- steigende Konkurrenz zwischen dem Anbau von Nutzpflanzen für menschliche Nahrung (food), Futterpflanzen (feed) und Energiepflanzen (fuel),
- steigende Konkurrenz zwischen der Nachfrage in den Absatzmärkten in Industrie- und Schwellenländern
Dem steht gegenüber, dass gerade in den Industrieländern aufgrund einer gefühlten Überproduktion zu wenig in den Ertrag und in die Ertragsstabilität von Nutzpflanzen investiert wurde. So ging insbesondere der globale Ertrag des Weizens pro Kopf Weltbevölkerung während der letzten 10 Jahre deutlich zurück. Dieser Trend steht für viele Nutzpflanzen.
All dies müsste eigentlich zu einem sehr schnellen Umdenken führen. Selbst wenn wir jetzt beginnen, massiv in die Entwicklung ertragsreicher und ertragsstabiler Pflanzen zu investieren (die USA haben gerade damit begonnen), wie lange dauert es bis wir die Pflanzen auf dem Acker haben?
Bei klassischer Züchtung dürfen wir mit mindestens 15 Jahren rechnen. Die sogenannte Marker gestützte Selektion verkürzt diese Zeit schon deutlich. Auch und gerade die Genomforschung wird in den nächsten Jahren durch gezielter Nutzung der biologischen Variabilität die Züchtungszeit verkürzen. Jedoch stehen wir immer noch vor dem Problem, dass die Zeit uns davonläuft.
In dieser Situation – sie entwickelt sich rasant, dramatisch zu werden – muss diskutiert werden, ob wir uns wirklich leisten können, eine einzige Technologie von vornherein auszuschließen. Die Nutzung der biologischen Variabilität durch das Einbringen von Resistenzgenen aus nahen Verwandten unserer Kulturpflanzen mit Hilfe der Gentechnik ist zweifelsfrei schneller und gezielter als deren Übertragung durch Marker gestützte Selektion. Außerdem verhindern genetische Barrieren die Übertragung von Resistenzgenen aus nahen Verwandten in die Kulturpflanzen in vielen Fällen. Dies ist z.B. der Fall bei den Resistenzgenen gegen die Krautfäule bei Kartoffeln (Phytophthora infestans). Hier gelang die Übertragung der Resistenzen nur durch Gentechnik.
Meine Einschätzung: die Zeit ist uns schon davongelaufen. Die Zukunft wird Verknappung von Grundnahrungsmitteln auch in den Industrieländern sehen. Solche Verknappungen werden durch Spekulationen (durch z.B. Hedgefonds) verschlimmert werden. Wir werden uns Lebensmittel in den Industrieländern durchaus noch leisten können. Zu einem deutlich erhöhten Preis. Global sehe ich düster. Aus einer Luxussituation des späten 20. Jahrhunderts haben wir die pflanzliche Primärproduktion vernachlässigt. Wir alle – global – werden den Preis dafür zahlen.

Solange man sich es leisten kann, einen Großteil der pflanzlichen Nahrungsproduktion in eine rational durchoptimierte und ziemlich barbarische Produktion von tierischen Proteinen zu stecken, sehe ich genau gar keinen Grund, an der Produktivität der Pflanzen zu drehen.
Genauso ist gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln an der Spekulation anzusetzen und nicht mit Gentechnik (außer vielleicht um den die Fehleinstufung des Kapitalismus im Menschen anzugehen
. Wenn die Nahrungsproduktion auf irgendeine Weise effizienter wird, wird sie ihre Kapazitäten entsprechend zurückfahren, und die Spekulationsanfälligkeit bleibt gleich.
Und schwupps, da ist es wieder das alte Argument aus den 90ern des letzten Jahrhunderts, hier in der Form “sehe ich genau gar keinen Grund, an der Produktivität der Pflanzen zu drehen”. Damals war es das angebliche Verteilungsproblem. Jetzt die “rational durchoptimierte und ziemlich barbarische Produktion von tierischen Proteinen”. Verstehe ich es korrekt: keine moderne Massentierhaltung und schwupps, alles gut, alle zufrieden, alle satt?
So altruistisch dieser Ansatz erscheint, wie realistisch ist er? Wie nahe an der alten pseudo-altruistischen Lösung des angeblichen Verteilungsproblems?
Mich stört an solcher Argumentation Einiges:
1. so vernünftig das Argument sich anhören mag, es bleibt Utopia, und der Verfasser der Idee weiss das auch.
2. ich empfinde die Argumentation als neo-kolonialistisch (wie auch die alte Verteilungsdebatte). Versuchen wir den Schwellenländern einen Umgang mit dem Fleischkonsum vorzuschreiben, wie werden die reagieren?
3. die Argumentation führt zu unangebrachter Selbstzufriedenheit. Wir brauchen nichts zu tun (außer Kleinigkeiten, wie eine neokolonialistische Neuverteilung nicht vorhandener Überschüsse zu organisieren, oder mal kurz eben eine moderne Massientierhaltung abzuschaffen). Bloß nicht auf die Idee kommen, die Produktivität von Kulturpflanzen verbessern.
Dabei ist es nicht fünf vor Zwölf, es ist schon weiter.
Ertragsstabilität im Klimawandel: das löst sich nicht durch Fleischverzicht. Ertragsstabilität unter gnadenlos erhöhtem Schädlingsdruck, das wird nicht durch pseudo-altruitische Bekenntnisse verbessert.
Pflanzenzucht braucht Zeit. Die selbstzufriedene Argumentation: wir brauchen keine Ertragsstabilität und keinen Ertragsgewinn aus den 90ern hat zur einer signifikanten Stagnation geführt.
Wir haben daher jetzt haben schon den Schlamassel. Sinkende pro-Kopf Erträge. Problematischer werdende Ertragsstabilität. Folge der Überflußdebatte am Ende des letzten Jahrhunderts. Genau diese Kombination macht doch die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln so attraktiv. Nur wo eine Verknappung offensichtlich wird, kommen die börsianischen Heuschrecken.
Es ist bereits jetzt 5 nach Zwölf. Auch für Europa. Es gibt keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen und auf sinkenden Fleischkonsum in den Schwellenländern zu setzen. Und erst recht nicht bei uns. Dies nennt man Erfahrung.
Lösungen? Wir werden uns in 30 Jahren fragen lassen müssen, warum wir mögliche Lösungen im Vorfeld politisch ideologisch ausgeschlossen haben.
Verantwortlichkeit heißt eben auch, die Verweigerung der Anwendung neuer Technologien zu beleuchten. Deren langfristige Konsequenzen.
Zeit ist der wichtigste Faktor bei der Antwort auf die globalen Herausforderungen.
Zeit haben wir nicht mehr allzu viel.
Und wir reden, und reden, und reden. Weil wir ja angeblich nichts machen müssen (außer ein paar kleine, insignifikante Unmöglichkeiten: Fleischverzicht, global, Umverteilung, global…). Und außer reden, brauchen wir ja auch gar nichts zu tun. Die Natur regelt alles…
Meine feste Überzeugung: nur anwendungs-relevante Forschung, diese so schnell wie möglich, kann die schwerwiegenden Folgen der sinkenden Ertragsstabilität abmildern. Je schneller, desto besser.
Beste Grüße
Die Saatgutindustrie verspricht schon seit 50 Jahren, das Ernährungsproblem zu lösen. Die Erfahrung zeigt aber nur, daß das z.B. gegen den Hunger in Afrika genau gar nichts nützt und gelegentlich katastrophale Nebenwirkungen hat.
Ohne irgendeine Form von globaler Umverteilung wird sich da auch genau gar nichts ändern. Solange korrupte afrikanische Regierungen ihre Ressourcen lieber nach China verkaufen statt ins eigene Land zu stecken…
Und es wäre vielleicht auch mal sinnvoll, hinter die Schädlingsanfälligkeit zu gucken. Hat nicht zufällig damit zu tun, daß es immer weniger Sorten gibt? Was durch den Einsatz von Gentechnik ja noch forciert wird. Das Zeug mag besser wachsen, aber leider, leider, verbieten die Hersteller in den Lizenzbedingungen die Weiterzucht, so daß das Saatgut immer wieder neu gekauft werden muß, was in armen Regionen der Welt schlicht nicht drin ist.
Das ist das Problem: Die einschlägigen Konzerne wollen Geld und Marktanteil. Ernährungsprobleme interessieren sie erstmal gar nicht, bestenfalls die Probleme *zahlungsfähiger* Interessenten.
Googeln Sie mal nach Norman Borlaug – zumindest in Indien hat es recht gut funktioniert, durch Sortenfortschritt den Mangel zu besiegen, Indien exportiert seitdem Weizen. Aber ich gebe Ihnen insofern recht, als auch in Indien Menschen noch hungern, was ebenfalls dem System geschuldet ist. Für Afrika kann nur gelten, den Kampf gegen den Hunger auf allen Fronten zu führen und kein Mittel von vornherein auszuschließen.
Weter Herr Krey,
bitte beweisen sie die Aussage: “daß es immer weniger Sorten gibt”.
Fragen sie mal den Landhandel! Die stöhnen unter der immensen Flut an neune Sorten.